Lyonel-Feininger-Galerie

Licht. Raum. Magie.
KLAUS DIERßEN.
Fotografie I Fotografik

Sonderausstellung im Obergeschoss

Klaus Dierßen (*1949) gehört zu den Künstlern, die nicht von einem bestimmten Medium ausgehen, um einer bildnerischen Begabung zu folgen und dann Maler, Bildhauer oder Fotograf zu werden. Stattdessen geht er auf jene Medien zu, die seiner Neigung zu Analyse und Reflexion entgegenkommen. Der Grafiker rieb sich mit dem Fotografen, um sich zuletzt einen neuen Raum als Fotografiker zu öffnen. In mehr als 40 Jahren entstand so ein überaus facettenreiches Werk. Facettenreich schon deshalb, weil es sich mit, aber auch trotz seiner Tätigkeit als Hochschullehrer für ästhetische Praxis der Universität Hildesheim zu bewähren hatte.

Das Bestechende ist, dass seine Bilder dennoch nie zu Beispielen einer ehrgeizigen Didaktik verflachen. Sie verdanken sich vielmehr durchgehend dem kreativen Impuls, die unendliche Vielfalt des Sichtbaren in autonome Formereignisse zu zerlegen. Das setzt Entscheidungen voraus, die das Vorgefundene einem bestimmten Ordnungsprinzip unterwerfen. Das Schwarzweiß ist solch ein Ordnungsprinzip.

Die Frage, ob ein druckgrafisches oder fotografisches Bild zur Landschaft, zum Porträt oder zum Stillleben wird, ist für ihn dann weniger wichtig als die Frage, unter welchen Prämissen so ein Motiv zustande kommt. Ihn interessiert also genau das, was man gewöhnlich übersieht: Der Rang von Licht, Schatten, Transparenz, Dichte, Tiefe, Ausdehnung, Anschnitt, Linie oder Verlauf. Nicht die Dinge, sondern die Strukturen ihrer Oberflächen werden als Strukturen ihrer Bedeutungen lesbar. Zum Vorschein kommt, was man in der Kunst wie in der Psychologie die „Konstruktion von Wirklichkeit“ nennt. Sie wird umso augenfälliger, wenn Dierßen die konkrete Welt der Gegenstände fotografiert. Denn anders als Hand und Griffel erzeugen Linse und Verschluss den Schein des Objektiven. Gerade der Trugschluss, das Foto bilde etwas ab, reizt diesen Künstler aber, an den Dingen und Räumen die „andere Seite“ sichtbar zu machen. Für ihn dürfte der Grundsatz gelten: Alles Sichtbare ist zugleich eine Form des Verbergens, weil das Verborgene immer schon da ist.

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IMBI. 2017, Fotografie
© Klaus Dierßen, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Biografie

1949 geboren und lebt in Hildesheim | 1970-1973 Studium Lehramt Bildende Kunst | 1976-1982 Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig (Studium Kunstpädagogik und Freie Kunst) Grafik, Druckgrafik und Fotografie. Staatsexamen, Meisterschülerdiplom bei Prof. Malte Sartorius | 1977-2012 Dozent / Professor für Bildende Kunst und Fotografie, Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft Studiengang Kulturwissenschaft und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim
Klaus Dierßen lebt und arbeitet in Hildesheim.
WWW.KLAUSDIERSSEN.DE

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TODT, aus der Reihe: Topographie des Terrors, 2014, Fotografie
© Klaus Dierßen, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

1918–2018.
Das Ende der Mythen.
Feldstudie Verdun

Sonderausstellung im Seitenflügel

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Chris Wohlfeld, Bezonvaux 3, 2014, Fotografie, © Chris Wohlfeld

Anlass der Ausstellung ist das Ende des 1. Weltkriegs am 11.11.1918. Mit dem ersten Weltkrieg setzte militärgeschichtlich eine neue Epoche ein. Nie zuvor hatte es ein vergleichbar kontinentales Kriegsgeschehen gegeben, das zugleich die Ausmaße eines industrialisierten Tötens annahm, bis hin zum ersten Einsatz von Massenvernichtungsmitteln wie Giftgas. Zum anderen fand der Krieg nicht nur auf den Schlachtfeldern statt. Vielmehr weitete er sich als „Völkerkrieg" in das gesamte Staatswesen der beteiligten Nationen aus und durchdrang von der „Kriegswirtschaft" bis zu den Hungerepidemien das Alltagsleben auch in den kleinsten Orten.

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Katrin Ruhnau, Ausschneidebogen „Vaters Ersatzteile“, 2017, Atlas äußerer und innerer Krankheiten des menschlichen Körpers, antik, Trauerbriefpapier, antike Medizindose, Foto: René Schäffer

Hier setzt die Ausstellung an. Künstler und Künstlerinnen aus der Region (Quedlinburg und Halle/Saale) untersuchen auf je eigene Weise Wirkungen dieses Krieges, die bis in einzelne Familienschicksale bis heute erinnert werden. Die Beteiligten haben vor Ort in Quedlinburg in den Kirchengemeinden und Friedhöfen recherchiert, sind aber auch nach Verdun gefahren, um die heutige Landschaft über den ehemaligen Schlachtfeldern in Augenschein zu nehmen und sich einen Eindruck davon zu schaffen, in welcher Weise sich die Spuren des damaligen Gewaltszenarios immer noch abzeichnen.

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Thomas Hadelich, Fort de Vaux, 10.02.2018, Aquatinta auf Bütten, Foto: René Schäffer

Katrin Ruhnau (*1966), Papierkünstlerin, zeigt metaphernreiche Objekte, die das Durchdringen von Krieg und Privatsphäre thematisieren. Friederike Nottrott (*1977), Keramikerin, setzt sich mit der Ästhetik der Kriegstechnik auseinander und reflektiert sie mit Porzellanobjekten, die auf die Form von Granaten zurückgehen. Thomas Hadelich (*1961), Grafiker, hat in Verdun gezeichnet und untersucht mit seinen aufwendigen Aquatinten Male und Spuren in überkommenen Beton- oder Metalloberflächen sowie Fragmente einer immer noch zerrissenen Landschaft. Bernd Papke (*1960), Maler und Grafiker, hat von Gedenktafeln die Namenlisten Gefallener als Frottagen erfasst und diese in großformatigen Zeichnungen zum Fond von Landschaften gemacht: Es entstehen Porträts von Bäumen, die 1918 zwischen Quedlinburg und Rieder gepflanzt worden sind. Chris Wohfeld (*1971), Fotograf und Initiator des Projekts, beschäftigt sich seit mehr als 10 Jahren mit diesem Thema und untersucht in seinem Langzeitprojekt in Form einer Feldstudie bis in kleinste Detail die Landschaft nach Spuren des geschichtlichen Geschehens.

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Friederike Nottrott, Kugelhandgranate „Calme“, 2018, Sprühflakon aus französischem Porzellan, Aufglasurlüster Iris, Gummi, Lavendelhydrolat, Foto: René Schäffer

Als Gemeinschaftsarbeit entsteht auf dem Grundriss der Stadt Quedlinburg von 1918 ein Nagelobjekt, bei dem jeder Nagel einen Einwohner der Stadt repräsentiert (ca. 25.000). In einer öffentlichen Aktion werden die Nägel, die für Gefallene und Angehörige von Gefallenen in der Stadt stehen, herausgezogen, so dass man ein geradezu körperliches Bild für den Verlust vor Ort bekommen kann. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Rückbindung der Gegenwart in ihre Geschichte nur gelingt, wenn die Auseinandersetzung konkret wird.

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Bernd Papke, *1918, 2018, Frottage, Bleistift auf Papier
Foto: René Schäffer