Mythos und Wirklichkeit. Emil Nolde. Die "Ungemalten Bilder"

Der Expressionist Emil Nolde (1867–1956) ist einer der bekanntesten "entarteten Künstler". Von keinem anderen Maler wurden während des Nationalsozialismus so viele Arbeiten beschlagnahmt (über 1.000 Werke) wie von ihm. Gleichzeitig war Nolde seit 1934 Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig (NSAN) und verlor bis zum Kriegsende seinen Glauben an das NS-Regime nicht. Noldes politische Überzeugung war so stark, dass trotz des "Berufsverbots" durch die Reichskunstkammer seine Parteitreue nicht erschüttert wurde.

Noldes "Ungemalte Bilder" sind ein zentraler Bestandteil des Mythos vom verfolgten Künstler. Für diese Werkserie erfand Nolde in seinen Memoiren die Erzählung, sie seien während des "Malverbots", heimlich in einem "kleinen halbversteckten Zimmer" entstanden. Die Bezeichnung der kleinen Aquarelle als "Ungemalte Bilder" wurde von Nolde über Jahre entwickelt: Zunächst bezog sich dieser Begriff auf ihre Funktion als Bildvorlagen, wobei Nolde Zeit seines Lebens besonders gelungene Aquarelle und andere kleinformatige Vorlagen als Grundlage für eine Ausarbeitung in Öl genutzt hatte. Mit den Jahren kultivierte Nolde die Erzählung, sie seien ausschließlich in der Zeit der Verfolgung im Verborgenen gemalt worden. Waren einige der kleinen Aquarelle in den Jahren vor Verhängung des "Berufsverbots" entstanden, arbeitete Nolde im abgeschiedenen Seebüll auch danach kontinuierlich künstlerisch weiter, ein "Malverbot" bestand nicht.

Nolde wurde nach Kriegsende als verfolgter Wegbereiter einer neuen deutschen Kunst und als Opfer der NS-Kunstpolitik wahrgenommen. In den Jahrzehnten nach Kriegsende setzte sich eine einseitige Betonung von Noldes Opferstatus im "Dritten Reich" durch. Nolde selbst – sowie eine Reihe von Kunsthistorikern – hatte an dieser Erzählung maßgeblichen Anteil. Nach Noldes Tod 1956 verfestigte sich die Erzählung des verfolgten Künstlers, während Verweise auf seine Sympathien zum Nationalsozialismus und auf seinen Antisemitismus nach Möglichkeit entfernt wurden. So führte der Kunsthistoriker Werner Haftmann Noldes Selbsterzählung in einer Publikation von 1958 wortgewaltig aus und popularisierte dabei auch die (bis dahin unveröffentlichte) Geschichte der angeblichen Entstehung der "Ungemalten Bilder". Ab 1961 wurden die kleinen Aquarelle vermehrt in Deutschland und im Ausland ausgestellt und erregten auch wegen der sie einrahmenden Erzählung vom angeblichen "Malverbot" großes Interesse bei Publikum und Presse. Die Genese der Werkserie der "Ungemalten Bilder" zählt somit zu einem zentralen Nolde-Mythos der bundesrepublikanischen Kunstgeschichtsschreibung.

In der Ausstellung, die in Kooperation mit der Nolde Stiftung Seebüll entsteht, wird die Werkserie der „Ungemalten Bilder“ auf Basis neuester kunsthistorischer Forschung in ihren Entstehungs- und Rezeptionskontext eingebettet und vermittelt.